Ein neuer Anfang

 

Er lief durch die dunkle Allee. Es war eine warme Nacht und doch schauderte es ihn bei dem Anblick, der sich ihm bot.

Er war ihr gefolgt. Das tat er schon eine ganze Weile. Heimlich und in aller Stille.

Manchmal schien es, als würde sie seine Präsenz erahnen. Dann blickte sie über ihre Schulter, doch sie hatte ihn bislang nie gesehen.

Sie lebte allein mit ihrer Mutter in diesem runtergekommenen Haus. Er konnte es kaum ertragen, zu sehen, wie sie leben musste. Im Dreck, zwischen den leeren Flaschen mit dem leeren Kühlschrank.

Gestern hatte er Lebensmittel vor die Tür gestellt, damit sie nicht wieder hungrig ins Bett gehen würde. Doch ihre Mutter hatte es allein gegessen und ihre Tochter hungrig ins Bett geschickt.

Kalte Wut packte ihn, wenn er daran zurückdachte. Nein, er würde nicht länger dabei zusehen. Er musste etwas tun. Er musste helfen, sie befreien aus diesem Elend.

Sie war gerade im Badezimmer und wusch ihr T-Shirt per Hand aus, weil die Waschmaschine kaputt war. Er hatte Waschmittel dort hingestellt, damit sie zumindest saubere Kleidung haben würde.

Er wusste, dass es falsch war. Dass er das nicht durfte, aber er ertrug es nicht. Sie war ihm auf dem Markt aufgefallen, als sie Brot und ein paar Äpfel gestohlen hatte. Seitdem war er ihr gefolgt, wie ein Schatten. Ungesehen und doch da.

Aber das reichte ihm nicht. Tief in Gedanken hatte er nicht bemerkt, dass sie an das Fenster getreten war. Und plötzlich stand sie da und sah ihn an.

„Du warst das.“

Sie zeigte auf das Waschmittel.

Sie wusste es. Sie hatte es vielleicht schon lange gewusst und er hatte er nur nicht bemerkt.

„Verfolgst du mich?“

Was sollte er dazu sagen? Er wollte ihr keine Angst machen, obgleich sie Angst haben sollte. Er war ein erwachsener Mann und hatte sie beobachtet. Sie ging noch zur Schule. Er hatte ihr Stifte und einen Block in die Schultasche gesteckt, als sie ihr Zimmerfenster offen gelassen hatte.

„Warum hilfst du mir?“

„Weil irgendjemand helfen muss.“

Dann drehte er sich um und verschwand in der Dunkelheit.

An diesem Abend lag Sienna noch lange wach und dachte an den Fremden, der ihr anscheinend helfen wollte. Warum tat er es heimlich? Warum war er einfach verschwunden? Wie mochte wohl sein Name sein? Würde er wieder kommen?

Der nächste Tag in der Schule lief ausnehmend gut. Sienna hatte die Stifte und den Block entdeckt. In der neuen Federmappe lag ein Schokoriegel. Sie war überglücklich.

Als sie an diesem Tag das Gebäude verließ, sah sie glücklich aus und nicht ganz so bedrückt, wie sonst.

Es freute ihn, dass er ihren Tag verbessert hatte und sie zumindest ein bisschen was zu Essen gehabt hatte.

Unauffällig folgte er dem Schulbus mit seinem Motorrad.

Doch zu Hause erwartete sie eine unangenehme Überraschung. Ihre Mutter war wütend. Ihr war der Alkohol ausgegangen.

„Du nichtsnutzige Göre! Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst deine Finger von meinen Flaschen lassen? Gib es zu, du hast sie wieder ausgekippt!“

Hatte sie tatsächlich. Er hatte sie dabei beobachtet und fand es mutig. Aber jetzt brachte es sie in Schwierigkeiten. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

„Du undankbares Miststück!“ Ihre Mutter schlug ihr ins Gesicht. Dann packte sie Sienna an den Haaren und schleifte sie nach draußen.

„Raus aus meinem Haus! So was Missratenes wie dich will ich nicht unter meinem Dach!“

„Mom! Nein! Bitte! Wo soll ich denn jetzt hin? Es wird bald dunkel!“

„Is mir doch egal. Hättest du dir vorher überlegen müssen!“

Damit warf ihre Mutter die Tür ins Schloss und Sienna begann bitterlich zu weinen.

Er hielt es nicht länger aus und kam aus seinem Versteck. Langsam kam er auf sie zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Bitte wein doch nicht. Du wirst es überall besser haben als hier.“

Sie sah ihn aus großen Augen an.

„Du bist wieder hier?“

„Ja, ich bin wieder hier. Und ich gehe nicht weg. Ich lasse dich nicht alleine. Mein Name ist Logan.“

Er reichte ihr seine Hand.

„Lass mich dir helfen. Komm mit mir. Ich kann für dich sorgen.“

Sie wusste, wenn sie mit ihm ging, würde das ihr Leben für immer verändern.

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