Ungewollt

 Ich weiß nicht mehr, wann ich aufgehört habe, mich um ihre Zuneigung zu bemühen. Wann ich aufgehört habe, mich von mir aus bei ihr zu melden. Und wie jedes Jahr im Sommer frage ich mich, ob mein Geburtstag wohl wichtig genug sein wird, damit sie vorbeikommt oder ob sie es ignorieren wird, so wie Ostern. 

 Ich weiß nicht mehr, wann wir uns entfremdet haben, wann diese Beziehung zu meiner Mutter in die Brüche ging. Immer wieder frage ich mich, ob es an mir liegt, denn mit meinen Brüdern hat sie regelmäßigen Kontakt…und zu deren Kindern. Es tut mir leid, dass mein Kind nicht die gleiche Beziehung zu meiner Mutter – ihrer Oma – haben kann, wie die Kinder meiner Brüder. Es ist unfair, aber es ist wie es ist. Zumindest ist es das, was ich mir immer wieder sage. Dass ich es versucht habe. Dass ich mich bemüht habe, immer und immer und immer wieder, nur, um dann wieder verletzt zu werden. 

Vorletztes Jahr habe ich mich bemüht, habe mich bei ihr gemeldet, ihr Nachrichten geschrieben, habe angeboten, dass wir an Weihnachten vorbeikommen. Ihre Antwort war, dass sie nicht genug Platz habe, um meine Brüder, deren Frauen und deren Kinder und uns unterzubringen. Dabei sind wir nur drei. Eine weitere Verletzung, eine weitere Zurückweisung. Sie hatte eine Familiengruppe bei Whatsapp. Ich mache mir nicht viel aus solchen Gruppen, wirklich nicht. Aber zu erfahren, dass alle zusammen in einer Gruppe sind, ohne mich, das hat echt weh getan. Ausgestoßen. Ungewollt. 

Genau wie früher, als sie meine Brüder mitnahm zum Einkaufen und mich nicht. Sie seien so ein gutes Team. Nicht gut genug. Und plötzlich bin ich wieder zwölf. Klein. Hilflos. Einsam. Sie hat mich hinzugefügt, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ich es weiß. Doch der kleine Sieg, das kleine Feuer, die Hoffnung, löste sich in nichts auf. Ein Häufchen Asche. Fünf Jahre hatte sie diese Gruppe schon. Da stand es, das Gründungsdatum. Und alle hatten es gewusst. Meine Brüder, deren Frauen, mein Stiefvater, meine Tanten, alle Mitglieder in der Gruppe. Und da waren sie wieder, die dunklen Gedanken. Ungewollt. Ausgestoßen. Du gehörst nicht dazu.

 Und egal, wie sehr ich mich bemühe, ich werde nie dazu gehören. Nie gut genug sein. Nie genug sein. Nicht genug. Und dann sitze ich wieder da und denke darüber nach, was ich falsch gemacht habe, dass sie mich nicht lieben kann. Dass sie mich nicht will. Ungeliebt. 

 Dabei hatten wir ein gutes Verhältnis. Mutter und Tochter. Als meine Eltern sich trennten, war ich schon erwachsen. Habe den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen, meine Mutter in der Psychiatrie besucht, sie unterstützt, Kleidung von zu Hause besorgt, zugehört, da gewesen. Ich war doch immer da. Hab es versucht, zu helfen, da zu sein, mein eigenes Leben auf Pause. Ich habe doch immer alles getan, was ich konnte.

 Dann wurde ich schwanger. Sie versprach, sie würde die beste Oma werden. Hoffnung meldete sich, dass wir das Trauma hinter uns lassen und eine echte, richtige Familie werden. Liebe und Zusammenhalt und Harmonie. Doch es kam anders. Sie zog aus der Stadt weg, Nicht weit weg und doch weit genug. Der Kontakt schwand. In kleinen Schritten. Unmerklich und doch da. Es wurde schwieriger. Ich nehme ja keine Ratschläge an und weiß es ja besser. Ich verhätschle das Kind, Es würde mir später mal auf der Nase herumtanzen. Ich setzte Grenzen, erklärte, verhinderte. 

 Meine Tochter wurde älter, entwickelte einen eigenen Willen, eine eigene Meinung. Der Kontakt wurde weniger. Zu anstrengend, wenn man nicht einfach weiter machen darf, wie man es doch immer schon gemacht hat. „Hat uns doch auch nicht geschadet, man kann sich halt auch anstellen, hat euch doch auch stärker gemacht…“ Hat es nicht. Doch es hat uns geschadet. Sehr sogar. Noch heute arbeite ich an den Überresten meiner traumatischen Kindheit. Versuche zu lernen, zu wachsen, mache Fehler, stehe auf und mache weiter. Cyclebreaker. Aussteigen aus dem Kreislauf. Es endet hier, es endet jetzt, mit mir, mit meinem Kind. 

Doch was einem keiner sagt, ist, wie einsam es machen kann, den Kreislauf zu durchbrechen, auszusteigen, es anders zu machen. Man wird als schwierig bezeichnet. 

 „Du bist ja selbst Schuld. Du schließt dich ja selbst aus. Du bist ja ständig dagegen.“ Dagegen. Sie hat ja Recht. Ja, ich bin dagegen, dass mein Kind Menschen umarmen muss, Menschen küssen muss. Ich setze Grenzen. Spreche für mein Kind, wenn sie das gerade nicht kann oder sich nicht traut. Ich würde sie überbehüten. Sie müsse ja auch lernen, im Leben klar zu kommen. So wie sie es gemacht hat? Klar kommen? Tu ich das? Komme ich klar? Und dann wird mir wieder klar, dass es egal ist, was sie sagt. Das es egal ist, was sie davon hält. Ich mache das nicht für sie, sondern für meine Tochter. Wir haben ein gutes Verhältnis. Sie hat keine Angst, mir ihre Noten zu zeigen, wenn es mal daneben geht. Sie muss keinen Ärger befürchten, wenn mal was zu Bruch geht, wenn mal was schief läuft. Dafür mache ich das. Für sie. Für ihre Zukunft. 

 Die Familien-Whatsapp-Gruppe ist seit einer Weile still. Niemand schreibt dort mehr. Zum Geburtstag meiner Mutter nicht. Zum Geburtstag meines Bruders nicht. Sie wird eine neue Gruppe aufgemacht haben, wie beim letzten Mal. Und wieder ist da die kleine Stimme, die mir zu wispert… unerwünscht. Ungeliebt. Ungewollt. 

 Ich weiß inzwischen, dass ich nicht traurig bin, weil meine Mutter mich ablehnt. Meine Trauer gilt dem Wunschtraum einer Mutter und einer Familie, die ich nie hatte. Ich trauere um das, was ich gerne hätte. Und wenn ich meine Tochter umarme, dann weiß ich, ich bin genug.

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