Hey there Delilah

 Endlich war es so weit. Ich saß im Flieger. Endlich würde sich mein Traum erfüllen. Ich würde ein Jahr in Australien verbringen!

Der Flieger hob ab und unter mir wurden die glitzernden Lichter meiner Heimat kleiner und kleiner, bis sie schließlich gänzlich verschwunden waren.

Zwölf Zeitzonen, drei Flugzeuge und eine unscharfe Erinnerung an San Francisco später stand ich in der flirrenden Hitze vor dem Terminal in Adelaide, wo bereits meine Gastfamilie mit einem bunten Schild auf mich wartete. Wir hatten schon vorher Emails und Fotos ausgetauscht, so dass ich wusste, wer wer war. Da war meine Gastmutter Gabby, mein Gastvater George und seine Kinder Jenny und Miles. Miles war nur ein Jahr älter als ich und sah aus, wie ein typischer Surferboy. Blonde, schulterlange Haare, gebräunte Haut und strahlend blaue Augen. Ich konnte ihn mir gut am Strand vorstellen.

Müde aber glücklich ging ich auf sie zu.

„Hi. Ich bin Delilah.“

„Hallo Delilah und herzlich willkommen in Adelaide. Du musst müde sein nach der langen Reise,“ sagte meine Gastmutter lächelnd.

„Ja, das bin ich. Wie spät ist es?“

„Es ist kurz vor elf,“ sagte Miles.

„Nachts?“ Ich war völlig verwirrt. Miles lachte. „Ja, es ist Abend. Zeit, dass wir dich nach Hause bringen. Du siehst aus, als würdest du gleich aus den Latschen kippen.“

Er nahm einen meiner Koffer und mein Gastvater nahm den anderen und ich nahm meine Reisetasche, doch Miles zog sie mir von der Schulter und schwang sie über seine. „Lass mich mal machen. Konzentrier dich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“ Er grinste.

Im Van der Familie schlief ich direkt ein. Die lange Reise forderte ihren Tribut.

Ich spürte, wie mich jemand sanft anstieß. „Hey Schlafmütze, wir sind da.“ Ich stand total neben mir und hatte Mühe, aus dem Wagen zu steigen.

„Hoppla. Mach langsam. Wir sind nicht auf der Flucht. Komm her, ich helfe dir in dein Zimmer. Du brauchst Schlaf.“

Miles schlang einen Arm um meine Taille und geleitete mich in das Haus.

Als ich am nächsten Tag aufwachte, konnte ich mich nicht daran erinnern, wie ich ins Bett gekommen war. Ich setzte mich auf und sah mich um. Ein Schrank, ein Schreibtisch und ein großer Spiegel, ein Sofa und ein Fenster mit Blick auf den Garten. Es war gemütlich. An der Wand gab es sogar einen Fernseher. Das Zimmer war viel größer als mein eigenes zu Hause in New York. Ich beschloss, aufzustehen. In dem Moment öffnete sich die Tür und Miles steckte seinen Kopf herein.

„Guten Morgen. Hab ich doch richtig gehört.“

„Guten Morgen. Wie spät ist es?“

„Fast elf. Du hast ewig geschlafen.“

„Tut mir leid…Jetlag.“

„Schon klar. Möchtest du was essen? Mom und Dad sind arbeiten, aber ich mache ziemlich gute Pancakes.“

„Pancakes klingen super. Und Kaffee wäre toll.“

„Den Kaffee kannst du sofort haben. Die Tür da führt in dein eigenes, kleines Badezimmer. Es wäre gut, wenn du mit dem Wasser nicht zu verschwenderisch umgehen würdest. Im Sommer versuchen wir, sparsam mit Wasser umzugehen.“

„Ja, klar. Danke.“

Er lächelte und verschwand. Ich kramte meine Waschsachen und Zahnbürste aus meiner Tasche und ging ins Bad, um den Geruch vom Flugzeug loszuwerden.

Als ich in die Küche kam, war Miles schon dabei, Pancakes zu machen.

„Das riecht großartig.“

Wir frühstückten zu zweit. Miles erzählte mir, dass seine Schwester heute nicht da sein würde und ich mit ihm vorlieb nehmen müsse…was mir gar nicht so Unrecht war. Er war mir auf Anhieb sympathisch.

„Wir könnten mit den Rädern zum Strand fahren und den Tag dort verbringen. Hast du Lust?“

„Auf jeden Fall! Ich kann es nicht erwarten, das Meer zu sehen.“

„Okay. Dann machen wir das. Ich nehme an, du weißt Bescheid über die Gefahren hier bei uns am Meer?“

„Hm, lass mich überlegen. Haie, Quallen, giftige Fische und Strömungen, die man als Stadtmensch nicht kennt?“

„Genau. Schwimm nicht zu weit raus und bleib in meiner Nähe.“

Nach dem Frühstück packten wir Handtücher, Schwimmsachen und Getränke ein. Ich trug ein leichtes Sommerkleid in gelb und er nur ein einfaches T-Shirt und Shorts. Als wir das Haus verlassen wollten, sah er mich prüfend an und schüttelte dann den Kopf.

„Du brauchst auf jeden Fall einen Sonnenhut, sonst haut dich die Hitze hier um. Und du bist nicht eingecremt.“

„Oh…okay.“

Er sorgte dafür, dass ich zu seiner Zufriedenheit eingecremt war und gab mir einen Sonnenhut. Der Tag am Strand war toll und ich mochte Miles sehr. Er war 20, also nur 2 Jahre älter als ich und er war ein hervorragender Schwimmer. Als wir glücklich und müde vom Strand nach Hause kamen, hatten seine Eltern den Grill angefeuert für mein erstes, richtiges Barbecue. Der Abend war lang und irgendwann holte Miles seine Gitarre. Mit einem spitzbübischen Grinsen begann er zu spielen und als er anfing zu singen, wurde mir auch klar, warum er grinste. Er sang „Hey there Delilah“.

Nach einem Tag voller neuer Eindrücke und Erlebnissen, fiel ich abends todmüde ins Bett.

Die nächsten Tage standen viele Aktivitäten auf dem Plan. Ich lernte die Stadt kennen, Jenny zeigte mir schon mal, wo ich ab der nächsten Woche zur Schule gehen würde und ich wollte unbedingt surfen lernen. Miles war mir dabei gerne behilflich und wir verbrachten viel Zeit am Meer.

„Weißt du, ich dachte, eine Gastschwester zu haben wäre doof, aber du bist ziemlich cool. Ganz anders, als ich mir eine echte New Yorkerin vorgestellt hätte.“

„So so. Wie ist denn eine echte New Yorkerin?“

„Naja, ich dachte, ihr steht auf Mode und lackierte Nägel und Make-up und so. Aber du bist ganz anders.“

Ich errötete. „Ich bin halt anders.“

„Ja. Das sehe ich.“

Ich hatte das Gefühl, als würde die Luft knistern. Ich mochte Miles. Sehr. Mehr, als ich sollte. Er war doch mein Gastbruder und… ach scheiß drauf…

Als sich unsere Lippen trafen, war ich unendlich glücklich. Das würde mein Jahr werden!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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